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Kapitel 1 Die Arena am schwarzen Wasser Kapitel 2 Der Puck mit dem falschen Gewicht Kapitel 3: Die Monitore wissen zuviel

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Kapitel 1 Die Arena am schwarzen Wasser

13 0 0

Kopenhagen bei Nacht. Schwarzes Wasser. Wind, der über die Kaimauern zieht. Glasfassaden, die das Hafenlicht zurückwerfen.


Die NORDHAVN ARENA, beflaggt mit den Fahnen Dänemarks und der UNESCO liegt am Rand des Wassers wie ein Gebäude, das nicht gebaut wurde, um Menschen zu wärmen, sondern um Eindruck zu hinterlassen. Stahl, Glas, klare Linien. Kein historischer Prunk, keine Nostalgie. Alles daran sagt: teuer, diskret, international. Vor dem Eingang halten dunkle Wagen. Chauffeure. Mäntel. Kameralichter, aber kontrolliert. Niemand schreit. Selbst die Prominenz bewegt sich hier, als wolle sie nicht gegen den Preis des Bodens verstoßen. Über dem Eingang hängt in kühlen, weißen Lettern:


STROMBERG STIFTUNG ZUM SCHUTZ DER OZEANE
INTERNATIONALES ATLANTIS WOHLTÄTIGKEITSSPIEL


Im Foyer trifft warme Luft auf nasse Kälte. Drinnen: helles Steinzeug, weiß lackiertes Holz, Glasbrüstungen, ein langer Blick in die Hauptarena, wo das Eis bereits unter präzisem Licht liegt. Kellner tragen Silbertabletts mit Grog. Sponsorenvertreterinnen, Kulturfunktionäre, Sportjournalistinnen, Menschen aus zu vielen Ländern, um zufällig an einem Ort zu sein, stehen in Grüppchen beisammen. Die Gespräche verlaufen in Schichten: Dänisch, Englisch, Deutsch, Französisch, Japanisch, Osmanisch, Russisch. Über allem liegt das leise Vibrieren eines Abends, der sich kultiviert gibt und gerade deshalb sofort verdächtig wirkt.
Am Rand des Eingangs steht SIGNE RAVN, Ende dreißig, makellos, intelligent, in strahlend weißem Maßanzug, die Haare streng genug, um Haltung zu sein. Sie lächelt mit jener perfekten Dosierung, die nicht Wärme meint, sondern Kontrolle. Sie beobachtet zwei Mitarbeiter, die über ein falsch gesetztes Sponsorenbanner diskutieren.


SIGNE
Nicht neu hängen. Gerade ziehen. Heute Abend gibt es keine Probleme, nur Versionen von Eleganz.

Die Mitarbeiter nicken sofort. Signe geht weiter, ohne sich umzudrehen. Menschen öffnen ihr Wege, ohne dass sie je darum bitten müsste. Eine Etage höher, auf dem VIP-Umlauf, bleibt sie kurz stehen und blickt auf die Arena hinunter. Das Eis liegt da wie eine glatte Lüge. Niemand weiß, wodurch es so effizient gekühlt wird. Unter ihr laufen Helfer in exakt kalkulierter Geschäftigkeit. Sicherheitsleute mit roten Pullovern an den richtigen Punkten. Hostessen in strahlendem Weiß wie lebendige Eiszapfen mit Namenslisten. Im hinteren Bereich ein diskret abgeschirmter Korridor Richtung Hoteltrakt.


Ein Mann tritt neben Signe, beinahe lautlos. Karl Stromberg. Älter, kultiviert, grau, mit dem schwer einzuordnenden Charisma eines Mannes, der Räume nicht dominieren muss, weil Räume längst gelernt haben, ihn mitzudenken. Seine Höflichkeit wirkt nie freundlich, nur teuer. Signe wendet sich ihm zu. Als sie ihm die Hand reichen möchte, faltet er seine demonstrativ. Sie zieht diskret ihre Hand zurück und streicht wie beiläufig über die scharfe Kante des Brüstungsglases.


SIGNE
Herr Stromberg.


STROMBERG
Frau Ravn!


Er sieht hinunter aufs Eis. Keine sichtbare Begeisterung. Eher die präzise Prüfung eines Investors, der gelernt hat, sogar Wohltätigkeit wie Infrastruktur zu betrachten.


STROMBERG
Es wirkt größer als in den Plänen. Aber ich bin beeindruckt von der Energieeffizienz dieses Gebäudes. Es ist nicht leicht, Eis so nahe an Salzwasser stabil zu halten. Und ich habe die Plastikfiltrieranlagen vor und hinter dem Gebäude gesehen, mit denen sie Kopenhagens Kanälen ihre menschengemachten Fesseln erleichtern wollen. Das gefällt mir. Und es wird auch der UNESCO gefallen, die den Ehrenschutz der Veranstaltung so gefällig trägt, weil es sie keinen Euro gekostet hat. Da unten, die UNESCO-Botschafterin Francine Irgendetwas.


Stromberg deutet auf eine elegante ältere Dame, die mit einer Gruppe japanischer Frauen spricht.


SIGNE
Sie haben mir einen Auftrag und das nötige Geld gegeben. Die meisten Dinge wirken größer, wenn man die richtigen Kameras einlädt, um die konstruierte Größe zu verherrlichen. 


Ein fast unsichtbares Lächeln bei Stromberg.


STROMBERG

Und sicher?


SIGNE

Vollständig. Wir haben dreihundert Gäste, fünfzig Mann Personal, die zwei Mannschaften und über einhundert Sicherheitsleute hier und…


Sie zögert kurz


SIGNE
Unten.


Er nimmt diese Antwort zur Kenntnis, aber nicht als Wahrheit. Nur als erwartbare Formulierung. Weiter unten im Foyer betritt Claudia den Raum. Sie trägt keinen Glamour, sondern Gravität. Dunkler Mantel, schmale Tasche, ein Gesicht, das in anderen Menschen selten nach Zustimmung sucht. In dieser Umgebung wirkt sie nicht fehl am Platz, sondern wie jemand, der auch in den falschen Räumen immer einen Grund hat, dort zu sein. Eine junge HOSTESS tritt zu ihr.


HOSTESS
Willkommen. Darf ich Ihren Namen—


CLAUDIA
Dr. Tiedemann. Ich bin wegen der Gespräche zur Wiederaufbereitung hier.


Die Hostess braucht einen winzigen Moment zu lang, um das einzuordnen.


HOSTESS
Natürlich. Die technischen Gäste werden nach dem ersten Drittel in die obere Lounge gebeten.


Claudia nickt nur. Ihr Blick geht nicht auf das Publikum, sondern auf die Monitore über dem Eingang, auf die Sicherheitswege, auf die Türen, die nicht für Gäste gedacht sind. Ein Bildschirm über dem Arenaeingang zeigt die Eisfläche. Für einen Moment springt das Bild um einen Wimpernschlag. Nicht stark. Nur falsch genug, dass Claudia stehenbleibt. Sie schaut hinauf. Das Bild ist schon wieder ruhig. Sie geht weiter. Ihr Blick geht zu Stromberg auf die Tribüne. Hat er ihr zugenickt? 


Am anderen Ende des Foyers kommt Anya herein. Dunkelgrünes Kleid, eleganter Smaragdschmuck, kontrollierter Gang in nicht zu hohen Schuhen. Eine Frau, bei der jeder Stoff aussieht, als hätte er sich ihr angepasst. Sie wird sofort wahrgenommen, aber auf eine Weise, die Menschen später für ihren eigenen Instinkt halten würden. Ein dänischer KULTURFUNKTIONÄR eilt auf sie zu.


KULTURFUNKTIONÄR
Frau Amasowa, willkommen in Kopenhagen. Wir freuen uns immer, Besuch von unseren guten Nachbarn zu bekommen. Rosatom ist der Schutz der Weltmeere ein großes und großzügiges Anliegen. So wie dem dänischen Königshaus. Es ist uns eine Ehre—


ANYA
Dann machen Sie bitte nichts daraus, das länger als nötig dauert.


Er lacht etwas zu höflich. Anya nimmt ein Glas Grog, ohne zu trinken, und lässt den Blick über das Foyer gleiten. Nicht Menschen zuerst, sie mustert die Wege, den Eingang, die Treppen, die kuratierten Aufzüge, deren Liftboys als Seepferdchen verkleidet sind. Sicherheitskameras fallen ihr genauso auf wie Personalzugänge, die fast unsichtbar in den Paneelen der Wände eingelassen sind. Dann geht ihr Blick durch die Panoramascheibe auf die Eisfläche. Dort unten, an der us-amerikanischen Bank, steht Shane in dunklem Anzug mit Teammantel, bereits halb in Medienpflicht und halb in innerer Abwesenheit. Zu präsent, um übersehen zu werden. Zu schön, um nicht photographiert zu werden, zu kontrolliert, um den Gefallen daraus zu machen. Ein Reporter hält ihn kurz an.


REPORTER
Shane, wie fühlt es sich an, heute in Dänemark für den Schutz der Ozeane unter den Augen der UNESCO zu spielen, für so einen guten Zweck—


SHANE
Kalt.


Der Reporter lacht, als wäre das Charme. Shane lächelt knapp genug, um es nicht korrigieren zu müssen. Nicht weit davon entfernt, auf der sowjetischen Seite, steht Ilya.  Ruhiger. Härter. Kein Drang, im Mittelpunkt zu stehen — und gerade deshalb schwerer zu ignorieren. Seine Aufmerksamkeit ruht nicht auf Reportern, Sponsoren oder Kameras. Sie ruht, für eine Sekunde zu lang, auf Shane. Auf einer Seitentribüne, zwischen zwei Reihen zu gut gekleideter Gäste, sitzt Magnus in einer Jacke, die zu wenig Abend und zu viel echtes Leben hat. Er wirkt wie jemand, der in diese Architektur geraten ist, weil ein Fehler im Universum zu gute Tischkarten verteilt hat. Neben ihm blättert eine ältere dänische Sponsorin durch das Programmheft.


SPONSORIN
Sind Sie wegen des Spiels hier oder der UNESCO?


Magnus sieht hinunter aufs Eis, dann auf die Lichtreflexe im Glas darüber.


MAGNUS
Nicht nur. Ich habe die Reise gewonnen bei einem seltsamen Preisauschreiben in unserem katholischen Privatgymnasium in Hessen: Vier Tage Kopenhagen in einem Drei-Sterne-Hotel mit Vollpension, aber leider ohne Minibar.


SPONSORIN
Ach, katholische Kasteiung? Dann sind Sie sicher froh, dass es hier Freigetränke gibt?


MAGNUS
Und man muss diese Spiele anschauen. Das stört mich nicht, ich mag Sport. Aber hier drin fühlt sich alles an, als wäre es schon vor fünfhundert Jahren passiert.


Die Frau lächelt verunsichert, entscheidet sich gegen eine Nachfrage und widmet sich schnell wieder ihrem Heft. Magnus sieht weiter hinunter. In der Arena beginnen die ersten offiziellen Ansagen. Musik, Vivaldis Winter. Signe steht inzwischen am Rand des VIP-Umlaufs und beobachtet den Raum mit jener Wachsamkeit, die man in guten Hotels Service nennt und in schlechten Staaten Überwachung. Ein Sicherheitsmitarbeiter tritt an sie heran, spricht leise.


SICHERHEITSMITARBEITER
Dr. Lind ist angekommen.


Nur ein kaum sichtbares Innehalten bei Signe.


SIGNE
Wo?


SICHERHEITSMITARBEITER
Gerade im inneren Umlauf. Er wollte zuerst nicht durch den Haupteingang.


SIGNE
Natürlich wollte er das nicht.


SICHERHEITSMITARBEITER
Sollen wir—


SIGNE
Nein. Noch nicht. Beobachten Sie nur! Und sagen Sie niemandem, dass es etwas zu beobachten gibt. Und achten Sie darauf, dass er nicht allein mit Francine de la Motte spricht!


Der Mann nickt und verschwindet. Stromberg hat die letzten Worte nicht ganz gehört. Oder tut so.


STROMBERG
Wissenschaftler?


SIGNE
Leider.


STROMBERG
Dann hoffe ich für uns beide, dass er heute Abend wenigstens dekorativ nervös ist. Ich hoffe, seine Diskretion entspricht seinem nuklearphysikalischen Genius. Es wäre sehr unerfreulich, wenn er kalte Füße bekäme, jetzt, wo die Testphase erfolgreich beendet ist. Alles, was die Kohlenstoffdioxidversauerung der Meere reduziert, wird von mir unterstützt. Und ich war mir sicher, dass Sie mich bei dieser Vision unterstützen. Und vergessen Sie nicht, was das Flamingofarbene Kameel sie kosten würde, wenn sie nicht nur Lachsbrötchen, sondern auch handgewärmten Krimsekt und selbstgebackene Millefeuilles zur Vormittagsjause bestellten!


Signe lächelt. Diesmal etwas kälter. Allein der Gedanke an Pjetre de Vraas und seine korrupten Unterschlagungsprojekte jagte ihr einen Schauer über den Rücken.


SIGNE
Ich gebe mir Mühe.


Unten wechselt das Licht auf dem Eis. Ein Sprecher begrüßt die Gäste, nennt Fördersummen, internationale Kooperation, junge Talente, maritime Zukunft und kulturelle Verantwortung. Alles klingt sauber. Alles klingt teuer. Eine Gruppe von Kindern in Meerespflanzenkostümen beginnt zur Ouvertüre des Fliegenden Holländers eine gut einstudierte Choreographie auf das Eis zu zaubern. Claudia bleibt am Rand des unteren Umgangs stehen und sieht noch einmal zu den Bildschirmen hinauf. Wieder dieser winzige Versatz. Diesmal nicht im Hauptbild, sondern im eingeblendeten Zeitcode. Eine Zahl springt. Korrigiert sich. Niemand außer ihr scheint es zu bemerken. Anya folgt währenddessen einem ganz anderen Fehler: dem Umstand, dass der us-amerikanische Starspieler und der sowjetische Starspieler beide so tun, als sei der jeweils andere nur Teil des sportlichen Inventars. Und das ein etwas nervöser Glatzkopf zu betont unauffällig versucht, zum us-amerikanischen Team voranzukommen.

Signe sieht auf alles. Stromberg sieht auf Signe. Lind geht zu schnell, weil ihn nur noch wenige Schritte von der Mannschaftsbank trennen. Er stolpert kurz, stützt sich am Geländer und richtet sich wieder auf. Ein Mann mit der Haltung von jemandem, der entweder zu spät kommt oder zu früh Angst bekommen hat. Claudia sieht ihn zuerst. Anya lässt ihn nicht aus den Augen. Auf dem Eis applaudiert das Publikum begeistert der Holländeraufführung zum Beginn des wohltätigen Spektakels und den das Eis verlassenden Kindern.
Am Rand des VIP-Umlaufs sagt Stromberg, fast ohne jede Betonung:


STROMBERG
Ich mag Abende, an denen alle glauben, sie seien wegen des Sports und der Musik hier. Und das Geld für die 80 Musiker war gut investiert. Wenn sie Totos Dune Soundtrack genauso gut spielen wie jetzt Wagner, werde ich einen Bonus auszahlen lassen. Es ist noch Geld übrig.


Signe sieht nicht zu ihm hin.


SIGNE
Das erleichtert die Arbeit.

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