Die Ansage der zwei Mannschaften läuft an. Applaus steigt auf, elegant und energisch genug, um echt zu klingen, aber noch nicht laut genug, um etwas zu übertönen. Über den unteren Umlauf zieht das Licht der Arena in kalten Reflexen über Glas, Metall und helle Steinflächen. Kellner mit Tabletts weichen Menschen aus, die gelernt haben, ihr Geld so zu tragen, als sei es Charakter.
Claudia steht am Rand eines Monitorclusters über dem unteren Umlauf. Drei Bildschirme zeigen dieselbe Eisfläche aus leicht versetzten Winkeln. Ein vierter zeigt den inneren Korridor zum Hoteltrakt. Ein fünfter läuft mit der Sponsorenregie: Logos, Nahaufnahmen, Kinder in Kostümen, Flaggen, Gesichter, die sich über ihren eigenen guten Zweck freuen. Claudia sieht nicht eigentlich hin. Sie misst. Ein Zeitcode springt. Nicht viel. Eine Sekunde vielleicht. Nein — weniger. Eher der Bruchteil einer Sekunde, der einen Raum unlogisch macht, wenn man oft genug in ihm gestanden hat. Das Bild fängt sich wieder. Zu schnell, um als Fehler in Erinnerung zu bleiben. Zu falsch, um kein Fehler zu sein. Claudia tritt näher. Neben ihr bleibt ein Arenatechniker stehen, jung genug, um seine Verantwortung noch mit Schnelligkeit zu verwechseln.
TECHNIKER
Entschuldigen Sie, brauchen Sie Hilfe?
CLAUDIA
Ist das System zentral synchronisiert?
Der Techniker blinzelt.
TECHNIKER
Die Kameras? Natürlich.
CLAUDIA
Natürlich ist kein technischer Wert.
Er sieht auf die Monitore. Dann auf sie. Dann wieder auf die Monitore. Er hätte lieber eine praktischere Frau vor sich.
TECHNIKER
Wir haben minimale Übertragungslatenzen. Das ist normal bei so vielen Einspeisungen.
CLAUDIA
Das war keine Latenz.
TECHNIKER
Sind Sie aus dem Broadcast-Team?
CLAUDIA
Nein.
Ein weiterer Sprung. Diesmal im Korridorbild. Nur kurz. Eine Gestalt erscheint an einem Ende des Glasgangs und ist im nächsten Bildschlag bereits zwei Schritte weiter, ohne die Strecke dazwischen sauber gegangen zu sein. Der Techniker sieht es nicht. Oder sieht es so, wie Menschen technische Fehler sehen wollen: klein genug, um verschiebbar zu bleiben.
TECHNIKER
Vielleicht ein Frame-Drop.
CLAUDIA
Vielleicht?
Sie sagt es so, wie andere Menschen sagen würden: Unsinn. Der Techniker spürt, dass er hier keinen Dank ernten wird, und zieht sich mit jener gekränkten Neutralität zurück, die Servicepersonal in teuren Häusern kultiviert. Claudia bleibt. Auf dem Korridormonitor taucht Dr. Kasper Lind auf. Dieselbe überkorrekte Silhouette, derselbe zu warme Mantel. Er geht schnell, dann langsamer, dann wirkt es für einen Augenblick, als hätte die Kamera ihn verloren und wiedergefunden, ohne dazwischen entscheiden zu können, welche Version von ihm die richtige war. Claudia wird stiller. Sie kennt Maschinenfehler. Sie kennt schlampige Verkabelung, schlechte Synchronisierung, menschliche Dummheit, billige Technik, teure Täuschung. Das hier sieht aus wie ein Fehler, der nicht im Gerät sitzt. Die Geräte sind zu teuer für Fehler, das Haus zu neu. Sie blickt vom Monitor auf den echten Gang jenseits der Glasfront. Dort hinten geht Lind tatsächlich. Aber nicht genau so, wie eben auf dem Bildschirm. Er ist real einen Schritt weiter, als das Bild ihn gerade noch gezeigt hat. Wenig. Genug. Claudia sieht wieder hinauf. Zeitcode: 20:17:43. Dann plötzlich 20:17:42. Dann wieder 20:17:43. Niemand reagiert. Unter ihr applaudiert das Publikum einem wohltätigen Sportabend und einer Welt, die noch so tut, als ließe sie sich mit Sponsorenlogos ordnen. Am anderen Ende des unteren Umlaufs steht Anya mit ihrem unberührten Glas Grog. Sie hat sich so positioniert, dass sie gleichzeitig den Zugang zum inneren Gang, die us-amerikanische und die sowjetische Bank und die obere VIP-Ebene im Blick behalten kann. Sie sieht Lind aus dem Augenwinkel aus Shanes Bereich verschwinden und zieht die Übergabe innerlich noch einmal durch: ein nervöser Mann, ein Gegenstand, zu viel Dringlichkeit für ein Souvenir, und Shane, der das Geschenk zwar annimmt, aber möglicherweise nicht versteht, dass er zum Kurier gemacht wird. Kaum involviert genug für Routine. Nicht uninteressiert genug für Zufall. Anya nimmt keinen Schluck. Ein Kulturfunktionär versucht es trotzdem noch einmal mit gesellschaftlicher Existenz.
KULTURFUNKTIONÄR
Wir hoffen sehr, dass Rosatom Dänemark direkt —
ANYA
Später gern.
Er nickt, als wäre ihm gerade sehr taktvoll das Wort entzogen worden. Anya sieht weiter. Drüben an der sowjetischen Bank schaut Ilya wieder nur einmal zu Shane hinüber, kurz genug, um als Spielbeobachtung zu gelten. Dann nicht mehr. Anya erkennt keine Eifersucht. Etwas Interessanteres. Gewohnheit. Nicht die Gewohnheit, jemanden immer wieder zu besiegen. Die Gewohnheit, unwillkürlich zu prüfen, wo jemand ist. Das merkt sie sich. Sie memoriert die Erzählungen darüber, wie die beiden Konkurrenten in einem illionoisischen Bergdorf gemeinsam einen verbrecherischen Arzt an der Flucht gehindert hatten[manuscript:990f8158-78cf-45f1-b104-4ff0609278f2].
Oben auf dem VIP-Umlauf steht Signe Ravn am Glas und führt scheinbar eine bedeutungslose Unterredung mit einem Sponsorenpaar. Ihr Blick fällt dabei für einen Wimpernschlag nach unten, auf Lind, dann zur us-amerikanischen Mannschaftsbank, dann weiter, als habe nichts davon irgendein Eigengewicht. Zu präzise. Anya folgt diesem Blick und versteht etwas Kleines, aber Nützliches: Lind ist nicht nur nervös. Er ist Teil einer Ordnung, aus der er gerade herauszufallen droht. Das ist das, was Moskau sich wünscht. Und den Puck, wenn darauf etwas gespeichert wäre, das die Energieeffizienz dieser nicht an das öffentliche Netz angeschlossenen Eishalle erklären könnte. Denn - da waren sich die sowjetischen Forscherinnen einig - die zwei kleinen Gezeitenklappen, die mit der Plastikfischanlage gekoppelt waren, könnten niemals genug Strom produzieren. Und auch nicht die zierlichen Solarpaneele auf dem geschwungenen Dach der Halle.
Im unteren Umlauf geht Claudia jetzt langsam am Monitorblock vorbei Richtung Glasgang. Kein Eilen. Sie möchte nicht wie jemand aussehen, der etwas gefunden hat. Ein Sicherheitsmann tritt ihr halb in den Weg.
SICHERHEITSMANN
Madame, dieser Bereich ist für Gäste auf dieser Seite gesperrt.
CLAUDIA
Dann sollten Sie die Kameras besser stellen.
Der Mann braucht einen Moment.
SICHERHEITSMANN
Entschuldigung?
CLAUDIA
Wenn Sie schon überwachen, tun Sie es wenigstens synchron.
Sie geht an ihm vorbei, bevor er entscheiden kann, ob das unhöflich, technisch oder einfach nur hessisch war. Auf dem Eis werden die Captains angekündigt. Lautsprecherstimme. Fahnen. Lichtkegel. Die Menge richtet sich auf den sichtbaren Teil des Abends aus. Anya beobachtet, wie Lind jetzt den Glasgang entlangwill — und einmal kurz innehält, als spüre er, dass er gleichzeitig gesehen und gesucht wird. Dann sieht sie etwas Zweites: Shane tastet, kaum merklich, noch einmal an die Manteltasche. Nicht aus Eitelkeit. Nicht aus Ritual. Nur um sicherzugehen, dass der schwarze Puck noch da ist. Das genügt. Anyas Blick wird kühler. Nicht Shane selbst ist interessant. Das, was er gerade bei sich trägt, ist es. Ob er es weiß, ist die nächste Frage.
Claudia steht nun mit etwas Abstand zum Glasgang und sieht Lind nicht direkt an, sondern dessen Spiegelung in der Scheibe. Der Monitor über ihr zeigt denselben Gang. Wieder mit einem kaum wahrnehmbaren Fehler. Lind hebt im echten Gang die linke Hand an das Geländer. Auf dem Monitor hebt er sie schon, bevor er es tut. Claudia blinzelt nicht. Es ist nur ein Augenblick. Dann stimmt das Bild wieder. Sie sieht auf den Zeitcode. Er läuft sauber weiter, als wäre nie etwas geschehen.
Ein Mann im dunklen Mantel bleibt kurz neben ihr stehen, schaut ebenfalls zum Gang, sagt aber nichts. Als Claudia den Kopf leicht wendet, ist er schon weitergegangen. Vielleicht Gast. Vielleicht Sicherheit. Vielleicht nur eine jener Figuren, die in teuren Gebäuden immer so wirken, als hätten sie mehr Zugang als andere. Claudia bemerkt Magnus in dem Zuschauersektor auf der SBP-Seite und ist verwirrt. Er sollte nicht hier sein. Und schon gar nicht auf der anderen Seite. Oben am Glas lehnt sich Stromberg ein wenig zu Signe.
STROMBERG
Ihr Wissenschaftler wirkt nicht glücklich.
SIGNE
Wissenschaftler verwechseln Glück oft mit Kontrolle.
STROMBERG
Und bekommen sie beides? Der Sozialistische Beistandspakt gegen den Commonwealth Verteidigungspakt ist eine seltsam unwissenschaftliche Mannschaftsaufstellung, aber ein kurios dänischer Humor. Beide Imperienverbände verpesten die Ozeane immer noch. Aber ich weiß, dass keiner von beiden unsere Technologie zum Schutz der Meere einsetzen würde. Deshalb machen wir es selbst, ohne Westen und ohne Osten und ohne Süden! Ihr Wissenschaftler ist ein Mann aus dem sauberen Norden. Das sollte ihn doch beruhigen, oder?
Signe sieht hinunter auf Lind.
SIGNE
Nur selten dauerhaft.
Anya hört das nicht. Aber sie sieht, dass Signe und Stromberg nach unten sehen, ohne jemals wie Menschen zu wirken, die etwas beobachten müssen. Sie stellt das Glas auf ein Tablett eines vorbeiziehenden Kellners, ohne ihn anzusehen. Dann setzt sie sich in Bewegung. Nicht schnell. Nicht auffällig. Einfach in jene Richtung, in die gute Entscheidungen gehen, bevor der Rest des Raumes weiß, dass es Entscheidungen geben wird. Vor dem Spiel wird sie nicht mehr an den Puck herankommen. Claudia bleibt noch einen Atemzug länger stehen. Sie sieht auf den Monitor. Dann auf den echten Gang. Dann wieder auf den Monitor. Leise, fast nur für sich:
CLAUDIA
Nein…Ich sollte direkt zu Francine de la Motte gehen.
Es ist kein erschrockenes Nein. Es ist das Nein einer Frau, die soeben erkannt hat, dass ein Fehler bereits passiert ist. Auf dem Eis brandet neuer Applaus auf. Im Glasgang ist Lind einen Moment später verschwunden.


