Das Boot war kleiner, als Lito es sich gewünscht hätte.
Es war so klein, dass jeder Windstoß sich bemerkbar machte und jedes Knarren im Holz klang, als würde der Motor Planken fräsen.
Lito Rodríguez saß auf der mittleren Bank und hielt mit einer Hand den Rand des Bootes, mit der anderen sein Jackett. Es war für einen Aperitif in einem griechischen Kardinalshaus ausgewählt worden, nicht für eine Überfahrt bei Nacht. Der Stoff war beige, weich, teuer genug, um für einen Aperitif geeignet zu sein.
„Ich möchte nur festhalten“, sagte er, „dass mir niemand gesagt hat, dass dieser Aperitif eine halbe Atlantiküberquerung enthält.“
Wolfgang Bogdanow saß ihm gegenüber, die Beine breit genug gestellt, um den Bewegungen des Bootes keine Bedeutung geben zu müssen. Er trug Dunkelblau, weil diese Farbe fast immer stimmte, vor allem dann, wenn andere Menschen sich zu viele Gedanken über kommunistisches Rot machten. Im Licht der kleinen Laterne neben dem Bootsführer wirkte sein Gesicht blasser und kantiger als am Nachmittag in Hydra.
„Du hast die Einladung nach Griechenland angenommen“, sagte er.
„Ich wollte zu einem Aperitif. Das ist etwas anderes. Ich wollte Jussie auf der Bühne sehen in Delphi. Und ich wollte dich davor bewahren, von deinen Kumpels zerschossen zu werden.“
„Ein Aperitif am Meer.“
„Am Meer, sehr gerne. Nicht im Meer.“
Sun Bak saß am Heck. Sie hielt sich nicht fest. Ihr Körper folgte den Bewegungen des Bootes so ruhig, als habe sie mit dem Wasser eine Abmachung getroffen. Der Wind fuhr ihr durch das dunkle Haar, aber nicht einmal das brachte Unordnung in sie. Sie sah zur Insel hinüber.
Die Villa lag über ihnen wie ein helles Versprechen. Warmes Licht stand in den offenen Türen. Auf der Terrasse konnte man kleine Bewegungen erkennen, Menschen im Gespräch, ein Aufblitzen von Glas. Weiter oben, über dem Haus, lag die Kapelle an der Klippe. Ein einzelnes Licht brannte dort, klarer als die Laternen im Garten.
„Dort oben ist die Kapelle?“ fragte Lito.
Sun nickte.
„Jussie sagte, sie sei schön. Und wenn man den Wind aushält, ist die Aussicht von dort oben wunderschön.“
Wolfgang sah hinauf. „Schade, dass wir das nicht sehen werden. Wenn die anderen morgen früh aufwachen und zu den Laudes gehen, werden wir in unserem Hotel auf Hydra schmoren und Zwieback knuspern.“
„Jussie wird uns Photos von oben schicken.“
„Das machen Schauspieler so, sicher mit großer Pose oder einem verrückten Hut.“
Lito sah ihn an. „Ich höre da einen Vorwurf gegen Schauspieler oder Hüte.“
„Sturmhauben sind besser, wenn man einbrechen geht.“
Sun schüttelte den Kopf „Niemand muss einbrechen. Das ist keine deutsche Unart.“
„Ich bin kein Deutscher.“
„Du lebst in Berlin. Das färbt ab.“
Wolfgang schnaubte leise, aber nicht unfreundlich. Der Bootsführer verstand sie nicht oder tat so, als verstehe er sie nicht. Beides war in Griechenland vermutlich eine Dienstleistung.
Sun hörte den beiden zu, ohne sich einzumischen. Sie war Jussies Einladung gefolgt, weil sie den Ton in der Stimme der Schauspielerin erkannt hatte. Eher etwas, das Sun aus anderen Ländern kannte: jemand, der vor der eigenen Familie nicht allein sein wollte und zu stolz war, es so zu sagen.
„Du bist Russe in einer polnischen Stadt, da gibt es genug ehrliche Verdienstmöglichkeiten.“
Die Insel kam näher. Aus dem Garten roch es nach Zitrone, Öl und warmem Stein. Unter dem Motorengeräusch lag das gleichmäßige Anschlagen der Wellen. Für einen Moment schob sich ein anderer Geruch in Suns Wahrnehmung: Parfum, Perlen, klimatisierte Luft, glänzende Böden. Manama.
Nicht die Stadt selbst. Eher Kalas Erinnerung daran, wie Menschen im hohen Majlis lächelten, während sie einander verletzten. Höflichkeit, die nicht friedlich war. Juwelen auf Hälsen, Hände auf Gläsern, Sätze, in denen kein Wort zufällig stand. Sun kannte diese Art von Gefahr und diese Juwelen aus Seoul.
„Du bist sehr still“, sagte Lito.
Sun blinzelte einmal und wandte den Blick vom Haus.
„Ich höre zu.“
„Dem Meer?“
„Auch.“
Wolfgang folgte ihrem Blick zur Terrasse. „Da oben sind sie.“
„Die Familie?“ fragte Lito.
„Ein Teil davon“, sagte Sun.
Lito richtete sich ein wenig auf. „Also. Noch einmal. Jussie ist Schauspielerin. Ihre Mutter ist Meghareta. Die ältere Dame mit dem Geld ist Maryana. Fionetta ist die Großmutter. Oder Urgroßmutter?“
„Großmutter“, sagte Sun.
Wolfgang fragte: „Und der Bischof?“
„Vincenorio.“ mutmaßte Sun.
Lito schnaubte respektvoll „Ein Bischof, der private Inseln besitzt und genug Alkohol ausschenken kann, um wildfremde Freunde von Jussie zu einem Aperitif einzuladen.“
Wolfgang sah ihn an. „Er besitzt die Insel nicht. Seine Familie besitzt sie. Das ist bei katholischen Diplomaten oft nur eine Frage der Dynastie.“
Sun sah wieder zum Steg. „Du bist katholisch?“
„Ja“, sagte Lito. „Auf die lateinamerikanische Art. Das heißt, ich glaube an Gott, an Schuld, an Blumen, an Kerzen, an dramatische Musik und daran, dass meine Mutter immer recht hat.“
Wolfgang zog eine Augenbraue hoch.
„Das klingt interessant.“
„Du solltest einmal nach Mexiko kommen und es dir ansehen, in Tijuana oder León oder Denver.“
„Ich bin russisch-orthodox“, sagte Wolfgang. „Falls das hier relevant wird.“
Lito sah ihn interessiert an. „Ist es das für dich?“
Wolfgang zuckte mit einer Schulter. „Meine Großmutter hätte gesagt: immer, mein Vater schmort in der Hölle, weil er sich abgewandt hat. Ich sage: mal schauen. Aber ich mag Kirchen: Ikonen, Gold und jede Menge Weihrauch und Duft.“
„Nach Wachs?“
„Nach Wachs, Staub und Menschen, die hoffen, dass sie Ruhe finden.“
Sun wandte den Blick von der Kapelle ab. „Ich bin Buddhistin.“
Lito nickte ernst. „Dann bist du vermutlich die einzige von uns, die nachher wiedergeboren wird.“
„Nein“, sagte Sun. „Ich bin nur geübt darin, still zu sitzen.“
„Das kann bei einem katholischen Aperitif sehr nützlich sein“, sagte Lito. „Besonders wenn es Ringe zu küssen gibt.“
Wolfgang sah kurz zur Terrasse hinauf. „Du wirst es tun wollen.“
Lito dachte darüber nach und seufzte. „Wahrscheinlich hast du recht.“
Das Boot drehte langsam bei. Der Steg bestand aus altem Stein, daneben führte eine schmale Treppe zum unteren Garten. Eine Laterne hing an einem Pfahl und bewegte sich im Wind. Der Bootsführer nahm das Gas weg; sofort wurde die Nacht größer. Man hörte Stimmen von oben, Gläser, das Rascheln von Blättern. Irgendwo schlug eine Tür.
Sun stand als Erste auf, noch bevor das Boot ganz ruhig lag. Wolfgang folgte ihr und reichte Lito die Hand.
„Ich kann selbst aussteigen“, sagte Lito.
„Ja“, sagte Wolfgang. „Aber schneller nicht.“
Lito nahm die Hand und trat auf den Steg. Das Boot schwankte, aber er blieb stehen. Er ordnete sein Jackett, als hätte niemand gesehen, dass er sich für einen halben Atemzug an Wolfgangs Arm festgehalten hatte.
„Niemand sagt Jussie, dass ich beinahe gestorben bin.“
„Du bist nicht beinahe gestorben“, sagte Sun.
„Für das Theater zählt Dramatik, nicht Wahrheit.“
Wolfgang gab dem Bootsführer einige Scheine. Der Mann nickte, machte das Boot fest und sah den Weg hinauf, als wisse er genau, dass man Gäste auf dieser Insel nicht zu laut ankündigen musste.
Sie gingen die ersten Stufen hinauf. Rechts wuchsen niedrige Kräuter zwischen den Steinen. Links fiel der Hang zum Wasser ab. Das Haus wurde mit jeder Stufe größer. Licht kam aus Türen und Fenstern, doch dazwischen lagen dunkle Flächen, Gänge, Mauern und Winkel. Sun zählte sie unwillkürlich.
„Du machst das wieder“, sagte Wolfgang leise.
„Was?“
„Den Raum zerlegen, Fengshuilinien in die Luft zeichnen und….“
Sun sah nicht zu ihm. „Fengshui ist chinesisch, nicht koreanisch.“
Lito, der vor ihnen gegangen war, drehte sich halb um. „Das ist kein Satz, den man direkt vor einem katholischen Aperitif sagen sollte, China ist kommunistisch und Japan shintoistisch.“
Sie erreichten den unteren Garten. Von hier aus sah man die Terrasse schräg von unten. Der Gastgeber stand am oberen Ende der Treppe. Neben ihm die drei Frauen. Die Matriarchin war leicht zu erkennen: schwarz, aufrecht, mit einem grünen Stein am Hals, der sogar aus der Entfernung seine eigene kleine Behauptung aufstellte. Ihre Nichte wirkte unruhiger. Deren Mutter war fast reglos.
Lito blieb stehen.
„Das ist also die Familie.“
Wolfgang sah hinauf. „Der weibliche Teil.“
„Sie sehen aus, als hätten sie seit Jahren gewusst, wo jeder stehen muss.“
Sun sah zur Mutter. „Jussies Mutter wirkt, als würde sie jemanden erwarten, der heute nicht kommt.“
Der Gastgeber hob die Hand zum Gruß. Die Geste war klein, aber sie reichte. Lito straffte sich, setzte sein freundlichstes Lächeln auf und ging weiter. Wolfgang folgte, etwas hinter ihm. Sun blieb einen Moment länger stehen und sah noch einmal zur Kapelle.
Der Wind kam von dort oben herab. Er trug keinen Geruch von Weihrauch mit, dafür aber erfrischende Kühle.
Dann wandte auch sie sich der Terrasse zu.
Für einen Aperitif war der Garten sehr wachsam.


