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Die Insel empfängt ihre Trauernden Drei Fremde nähern sich dem Licht

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Die Insel empfängt ihre Trauernden

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Der Garten lag im Mondlicht, als wäre er für eine Feier vorbereitet worden, die vor fünfzig Jahren hätte stattfinden müssen.
Zwischen den niedrigen Mauern standen Zitronenbäumchen in Terrakottagefäßen. Ihre Blätter bewegten sich im Wind, der vom Wasser heraufkam und Salz, Thymian und den fernen Geruch warmer Bootsmaschinen mitbrachte. Auf der Terrasse hatte Bianca kleine Schalen verteilt: Oliven, Mandeln mit Zimt, eingelegte Artischocken, Honigfeigen, dünne Scheiben von kandierter Orange. Daneben standen Karaffen mit Wasser, weißer Wein in beschlagenen Flaschen und zwei Karaffen roten Weins, die im Kerzenlicht fast schwarz wirkten.


Vittorio Contini-Verchese stand am langen Tisch und rückte ein Glas zurecht. Der leichte Abendwind verfing sich in seinem schwarzen Talar. Er hatte für sechs Personen planen lassen, dann für neun, schließlich für zwölf. Er hatte es Bianca nicht erklärt; sie hatte ohnehin schon vorher mehr Besteck auftragen lassen.
„Die Küche fragt, ob sie die Vorspeisen auf der Terrasse lassen soll“, sagte sie.
„Solange der Wind uns nicht das Brot verweht, ist es draußen sicher angenehmer. Auch drinnen werden wir die Türen offen lassen, die laue Aprilluft tut uns gut.“


„Ich kann frisches Brot nachbringen, wenn das geschähe.“
Vittorio sah kurz zu ihr hinüber. Bianca sagte solche Dinge ohne sichtbares Vergnügen daran. Das machte sie nützlicher als die meisten Menschen, die sich für witzig hielten.
„Die Damen sind müde“, sagte er. „Und sie kommen nicht zum Vergnügen.“
„Dann brauchen sie erst recht etwas zu essen.“
„Noch nicht sofort.“


Bianca nahm eine Schale mit Mandeln auf, prüfte sie, stellte sie wieder ab. Sie war eine große Frau mit grauem, streng zurückgenommenem Haar, in dunklem Kleid und weißer Schürze. An ihr war nichts, das den Blick festhalten wollte. Vielleicht war genau das der Grund, warum sie sich durch das Haus bewegen konnte, ohne je jemanden zu stören.
Von unten hörte man ein Boot anlegen.


Vittorio wandte sich zum Gartenweg. Die Treppe vom Steg herauf war nur an einigen Stellen beleuchtet; dazwischen verschwanden die Stufen in Schatten. Zuerst erschien Mary Carson.
Sie kam langsam, aber nicht vorsichtig. Ihr bodenlanges schwarzes Kleid war für die Insel zu schwer und für den Anlass zu kostbar. Am Hals trug sie einen Smaragd, der im Licht der Laternen grün aufblitzte. Sie sah sich nicht um. Eine Frau wie Mary musste eine Umgebung nicht bewundern, um sie sofort in Besitz zu nehmen.
Hinter ihr ging Fiona Cleary. Sie hielt den Kopf etwas gesenkt, nicht aus Demut, sondern aus Gewohnheit, den Weg vor sich zu sehen. Ihr Rock mit den altmodischen zwei Unterröcken schlug im Wind gegen ihre Beine. Neben ihr kam Meghan Cleary-O’Neil, heller gekleidet, mit einer gestrickten schwarzen Weste über der grauen Bluse, als habe sie sich in letzter Minute gegen die aprilische Kühle der Insel gewappnet.
Meghan blieb stehen, bevor sie die Terrasse ganz betrat. Ihr Blick ging hinauf zur Kapelle, die oberhalb der Villa an der Klippe lag. Weißer Stein, ein dunkler Umriss, ein einzelnes Licht an der Tür.
„Sie ist näher, als ich dachte“, sagte sie.


Vittorio trat den Frauen entgegen.
„Willkommen“, sagte er. „Ich bin froh, dass Sie gekommen sind.“
Mary reichte ihm die Hand und neigte sich zugleich zu seinem Ring. Die Bewegung war korrekt, aber nicht weich. Vittorio ließ es geschehen und küsste sie dann auf beide Wangen.
„Mary.“
„Eminenz.“
„Heute Abend genügt Vittorio. Die Insel ist zu klein für zu viele Titel.“
„Kleine Inseln sind oft der beste Ort für große Titel.“
Marys Mund verzog sich leicht. Fiona trat vor und küsste den Ring mit knapper Höflichkeit. Bei Meghan hielt Vittorio die Hand etwas länger.
„Meggie“, sagte er leiser.


Sie nickte, als müsse sie erst entscheiden, ob der Name in dieser Nacht zu ihr passte.
Bianca erschien mit einem Tablett. Mary nahm Wein, Fiona ebenso. Meghan griff nach dem Wasserglas, noch bevor Bianca es ihr anbieten konnte.
„Danke“, sagte Meghan.
„Bitte, Signora.“
Mary sah auf. „Sie kennen unsere Namen?“
„Ich habe die Zimmer vorbereitet.“
„Das ist sehr aufmerksam.“


„Danke, Signora“, sagte Bianca, bevor sie mit dem Tablett im Inneren des Hauses verschwand.
Mary folgte ihr einen Moment mit den Augen, dann wandte sie sich wieder dem Garten zu.
Vittorio führte die Frauen zur Balustrade. Von dort sah man das Meer und dahinter Hydra, schwarz gegen den Himmel, mit wenigen Lichtern an den Hängen. Unter ihnen schlug das Wasser gegen die Felsen. Nicht laut, aber regelmäßig genug, dass es in jedem Schweigen weiterredete.
„Dane mochte Griechenland“, sagte Meghan.
Fiona sah sie an. Mary nicht.
„Er mochte vieles“, sagte Mary. „Besonders Dinge, die gefährlicher waren, als sie aussahen.“
„Mary“, sagte Fiona ruhig.
„Es ist wahr.“


Meghan hielt ihr Glas mit beiden Händen. „Er wollte helfen.“
Mary antwortete nicht sofort. Der Wind bewegte eine Strähne an ihrer Schläfe; sie strich sie nicht zurück.
„Ja“, sagte sie schließlich. „Das wollte er. Aber statt der beiden Mädchen sind nun die dummen Touristinnen und unser Dane tot, unser Priester.“
Vittorio ließ ihnen einen Moment. Er kannte genug Trauer, um zu wissen, dass jedes zu frühe Wort sie kleiner machte. Auf der Terrasse klirrte leise ein Glas, als Bianca wieder am Tisch vorbeiging und noch eine Serviette richtete.
„Ich habe Ralph geschrieben, dass Sie hier sind“, sagte Vittorio. „Er lässt ausrichten, wie sehr es ihm leid tut, nicht selbst da sein zu können.“
Meghan senkte den Blick.
„Rom“, sagte Mary. „Rom hat immer gerade dann dringende Angelegenheiten, wenn Australien unbequem wird.“


Vittorio klang versöhnlicher: „Er wird nachkommen, sobald er kann.“
„Das glaube ich sogar“, sagte Mary
Fiona nahm einen kleinen Schluck Wein. „Die Reise hierher war ruhig. Die Fahrt mit dem Schiff von Sydney nach Athen, der Suezkanal in seiner Präzision.“
„Aber wie war die Bootsfahrt von Hydra bis hierher? Vielen wird während der dreistündigen Fahrt übel, weil es gerade beim Gezeitenwechsel oft etwas rauer zugeht.“
„Ruhiger, als ich erwartet hatte“, antwortete Fiona
„Das Meer zeigt sich Fremden gern zuerst von seiner höflichen Seite“, sagte Vittorio.
Mary blickte über die Balustrade. „Das Meer in Griechenland ist anders als in Australien, Kanada oder England, blauer, salziger.“


Aus der Küche kam ein warmer Geruch: frisches Brot, Zitrone, etwas Süßes mit Honig. Meghan schloss kurz die Augen. Für einen Moment war es nicht mehr die Insel, die sie wahrnahm, sondern ein anderer Innenhof, heißer Stein, Tee mit Gewürzen, Stimmen von Mädchen über Schulheften. Lahore, nicht als Erinnerung, die sie gesucht hatte, sondern als Geruch, der sich zwischen die Dinge schob. Bildung, Anstand, das scharfe Gefühl, beobachtet zu werden. Eine Welt, die Mädchen und Burschen versprach, sie zu erheben, solange sie sich dabei nicht zu sichtbar machten.
Sie öffnete die Augen wieder.
„Alles gut?“, fragte Fiona.


„Ja. Nur der Geruch. Irgendetwas mit Kardamom hat mich an einen fernen Ort erinnert.“
Bianca, die gerade eine Schale auf den Tisch stellte, antwortete: „Im Gebäck für später ist keiner. Aber in den Mandeln ist etwas Zimt und Masticha.“
„Masticha“, sagte Meghan. „Natürlich.“
„Das Harz von Chios“, erklärte Vittorio. „In Griechenland taucht es überall dort auf, wo man glaubt, etwas müsse heilend schmecken.“
Mary nahm eine Mandel aus der Schale. „Dann passt es für diesen Abend auf jeden Fall.“
Fiona sah zur gedeckten Tafel. „Sie haben sehr viel vorbereiten lassen.“
„Ich wusste nicht genau, wie viele Freunde Justine mitbringen würde.“


Meghan spannte sich bei dem Namen kaum merklich an. „Sie kommt mit dem zweiten Boot. Sie wollte mit ihren Freunden zusammenbleiben.“
„Freunde aus der Schauspielerei?“, fragte Mary.
„Auch“, sagte Meghan.
Mary aß Mandel, bevor sie sagte: „Justine hat ein Talent dafür, Menschen mitzubringen, die sie selbst interessant findet und andere dann für engstirnig hält, wenn sie dieses Interesse nicht teilen.“
„Vielleicht sind sie angenehm“, sagte Fiona.
Vittorio schenkte Mary nach. „Sie schrieb, Schauspielfreunde aus Kanada kämen mit ihr. Außerdem drei Freunde aus Europa, die nur zum Aperitif bleiben wollten.“
„Nur zum Aperitif“, wiederholte Mary.


„So war es angekündigt. Deshalb wird das zweite Boot warten“, sagte Vittorio. „Trotzdem ist für zwölf gedeckt, niemand soll gehen müssen. Und Gästezimmer gäbe es auch genug. Meine Familie ist sehr großzügig und gastfreundlich.“
„Was gibt es zum Essen?“, fragte Mary.


Bianca zählte auf, ohne Stolz und ohne falsche Bescheidenheit. „Kalte Vorspeisen hier draußen. Danach im Speisezimmer eine kleine Avgolemono, Lamm mit Rosmarin, gefüllte Weinblätter, Gemüse, Käse. Zum Schluss eine Bombé surprisè.“
Meghan sah überrascht auf. „Das klingt wunderschön.“


„Es ist ein wenig aufwendig“, sagte Fiona. „Aber es hält gut, wenn es rechtzeitig aus dem Eis kommt.“
„Und wenn der Abend sich verspätet?“, fragte Mary.
„Dann wird die Bombé eine Creme mit Fruchtrand.“


Vittorio lachte leise. „Bianca ist in der Küche strenger als die meisten Orden in ihren Noviziaten.“
Mary sah ihr nach. „Eine praktische Frau.“
Vittorio antwortete nicht darauf. Unten am Wasser war wieder ein Motor zu hören. Diesmal näherten sich die Stimmen lebhafter. Ein helles Lachen kam den Hang herauf und wurde vom Wind auseinandergetragen.
Meghan richtete sich auf. „Das muss Justine sein.“


Fiona stellte ihr Glas ab. „Sie kommt gerade noch rechtzeitig. Auch wenn ich nicht ganz verstehe, warum sie Fremde zu dieser Trauerfeier mitbringt.“


Vittorio ging ein paar Schritte zum Beginn der Gartentreppe. Hinter ihm standen die drei Frauen auf der Terrasse: Mary mit dem Smaragd am Hals, Fiona still und wachsam, Meghan mit dem Blick zum dunklen Weg hinunter. Über ihnen brannte das kleine Licht an der Kapelle. Das Boot stieß unten gegen den Steg, daraufhin klangen Schritte auf Stein.


„Dann“, sagte Vittorio, ohne sich umzudrehen, „empfangen wir die nächste Welle.“

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