Ein kleiner Vorgeschmack auf Band 3 meiner Chattenberg Saga erwartet dich hier. Das Manuskript hat zurzeit über 70 000 Wörter und ist aktuell im Stil-Lektorat.
Das Buch wird am 31. Oktober 2026 erscheinen. Direkt bei Amazon vorbestellen.
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Ferron stand vor dem Fenster seines Arbeitszimmers und hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er starrte in den Himmel. Aus westlicher Richtung zogen Schleierwolken heran. Es war der Verdienst der Luft- und Wassermagier, denn über Chattenberg hatte er lange keine Wolken mehr gesehen. Doch die Schwalben drehten noch viel zu hoch ihre Kreise, als dass er bald mit dem Regen rechnete, der den Hitzesommer ablösen sollte. Es klopfte an der Holztür und er zuckte zusammen. Seine Mundwinkel zogen sich nach oben und er drehte sich um. „Herein.“ Glanderas scheuer Gesichtsausdruck wurde warm, sobald sich ihre Blicke trafen. Als er in ihre großen, braunen Augen sah, schlug sein Herz höher. Sie war die Frau seines Lebens und er dankte Allah jeden Tag dafür, dass er sie gefunden hatte.
„Guten Morgen, Meister Ferron.“
„Guten Morgen, Akolythin Glandera. Bitte setz dich, wir haben einiges zu besprechen.“ Seine Stimme klang förmlicher, als beabsichtigt, und er räusperte sich. Wie gern hätte er sie in seine Arme gezogen, doch in der Rolle als ihr Meister wahrte er Abstand.
Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Du schaust so ernst. Ist etwas passiert?“
Seine Mine blieb starr, als er zum Besucherstuhl ging und dessen Lehne hielt, bis sie sich setzte. Von dem Sturm, der in ihm tobte, durfte sie nichts mitbekommen. „Nein. Ich habe lediglich viel im Kopf und habe mich entschlossen, Verantwortung abzugeben.“
Glandera starrte auf ihren rechten Zeigefinger und rieb über die Stelle, an der sonst der Meisterring von Terrasia steckte. „Was ist dann der Grund, dass ich vom Kollegium Arkanum ausgeschlossen werde?“
Ihr vorwurfsvoller Ton war nicht zu überhören, doch Nereidas Anweisung war unmissverständlich: Die Details seines Einsatzes, waren zu heikel. Kein Akolyth durfte etwas erfahren. „Es hatte organisatorische Gründe“, meinte Ferron kurz, ging um den Schreibtisch herum und setzte sich ebenfalls. „Ich habe dich gerufen, um mit dir über die Goldmine zu sprechen. Dass wir die Goldgewinnung in Chattenberg ohne Unterbrechung fortführen konnten, war dein Verdienst. Du kennst das Areal ebenso gut wie ich und warst mit den Minenarbeitern unter Tage. Mit der Vorarbeiterin bist du sogar befreundet. Daher wollte ich dich fragen, ob du die Leitung übernehmen möchtest.“
„Ich soll die Mine leiten?“ Ihr Gesicht erhellte sich. „Ja, sehr gern. Ich fühle mich geehrt.“
Ferron war erleichtert, dass die neue Verantwortung sie ablenkte. „Die Aufgabe wird dir leichtfallen. Vielleicht erledigst du sie sogar besser, als ich es vermag.“
„Danke für dein Vertrauen.“ Glandera griff nach dem Amulett, das an ihrer Halskette hing.
„Du kannst mich jederzeit um Rat fragen.“ Es fiel Ferron schwer, seine Stimme heiter klingen zu lassen. Verliebt beobachtete er sie dabei, wie sie sich eine Strähne ihres dunklen Haars hinters Ohr strich. „Wieso hast du den Meisterring abgezogen?“
Glandera streckte die Hand nach vorn und blickte auf die kahle Stelle. „Morgen besuchen Dorianna und ich meine Familie. Ich will ihnen endlich erzählen, dass ich eine Erdmagierin bin. Dieser Klunker, wie meine Mutter den Ring bezeichnen würde, lenkte sie dabei nur ab.“
Ihm wurde warm ums Herz. Wie gern würde ich ihren Hals mit Küssen überhäufen. „Bist du dir sicher, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist?“, fragte er sanft.
„Ja, nur … Ich mache mir Sorgen, wie es Gladis aufnehmen wird“, erklärte Glandera und ihre Stimme klang unsicher.
„Verständlich.“
„Hoffentlich behält Dorianna recht und Großmutter erinnert sich, dass sie früher befreundet waren.“
„Ich wünsche euch Glück und werde in Gedanken bei dir sein. Wie weit bist du mit der Enzyklopädie?“
„Ich habe Kapitel 4.3 über die Ruhezeiten der Magierakademie durchgelesen“, antwortete sie ihm mit ruhiger Stimme. „Du kannst mich abfragen.“
„Das werde ich nicht tun.“
Einen Moment starrte Glandera ihn an. „Aber … du sagtest doch, ich solle den Text rezitieren.“
„Ich bin mir sicher, dass dies unnötig ist, da du jetzt meine Regeln kennst. Es wäre töricht, mich noch einmal zu enttäuschen und vorzugeben, du wüsstest, was darin steht.“ Ferron warf ihr einen ernsten Blick zu. „Die Zeit können wir uns sparen. Ich muss einen Einsatz vorbereiten und einige komplizierte Berechnungen erstellen. Vergangene Woche ist viel liegengeblieben.“ Er griff sein Notizbuch, das in Leder eingeschlagen war, und schlug die nächste freie Seite auf.
Ihre Unterlippe stand vor. „Möchtest du, dass ich gehe?“
Das Glas klirrte leise, als Ferron das Tintenfass öffnete. Er tauchte seine Schreibfeder hinein und starrte auf das unbeschriebene Blatt. Seine Kollegen hatten von ihm verlangt, den bevorstehenden Einsatz bis ins Detail zu planen. „Wenn du nur meine Akolythin wärst, würde ich zustimmen, doch du bist die Frau, die ich liebe, und auf die ich mein ganzes Leben gewartet habe. Ich möchte dich immer in meiner Nähe haben.“ Ferron atmete tief durch, doch seine Anspannung löste sich nicht. „Du hast die Lektion abgeschlossen. Ich werde dir Terrasias Kristalle sofort bringen lassen, damit du sie in deinem Zimmer untersuchen kannst.“
Langsam stand Glandera auf und ging um seinen Schreibtisch herum. Mit den Fingerspitzen kämmte sie durch sein kurzes, dunkelbraunes Haar. „Du hast mir gesagt, dass du keine Geheimnisse vor mir hast. Erzählst du mir, was dich so bedrückt?“
Die Berührung beruhigte seine Nerven und er schloss die Augen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt. Wir könnten sie wirklich besser nutzen. „Hab Geduld“, flüsterte er und hob die Lider. Innerlich fluchte er, da er die feinen Nuancen in seiner Stimme diesmal vor ihr nicht verstecken konnte.
Ihre Lippen waren warm und weich, als sie ihn auf die Stirn küsste. „Du findest mich in meinem Zimmer.“
Seine Mundwinkel zogen sich nach oben. Die Bemerkung wäre unnötig gewesen. Als ihr Meister konnte er über den Armreif, den er ihr bei Ausbildungsbeginn anlegte, immer ihre Position ausmachen. Sehnsüchtig sah er ihr hinterher, bis die Tür ins Schloss fiel.
Feine blauviolette Linien schwebten durch Ferrons gesamtes Arbeitszimmer und wurden nur durch die sechs Säulen, die seine Zimmerdecke stützten, unterbrochen. Mit dem Zeigefinger am Kinn stand er am Rand und starrte hoch konzentriert auf die dreidimensionale Darstellung des Landschaftsbereichs. Es war ihm so möglich, den zweihundert Kilometer breiten Abschnitt besser zu visualisieren. Ferron fokussierte sich auf den Machu Picchu. Unter dem Berg trafen vier Verwerfungen aufeinander und bildeten eine X-Form. „Genau das war der Grund, warum die Inkas ihre Kultstätte ausgerechnet an dieser Stelle errichteten“, stellte er fest. Über die letzten Jahre hinweg hatte sich der Druck aufgebaut. Ferron hatte nicht vor, darauf zu warten, bis er sich in einem gewaltigen Erdbeben entlud, er wollte die Bevölkerung vor der Erschütterung evakuieren. Doch aus jahrhundertelanger Erfahrung wusste er, dass auch dem Tode geweihte Menschen ihre Heiligtümer nicht umziehen wollten. Daher war eines sicher: Wenn er scheiterte, würden Tausende sterben.
Unruhig lief er im Zimmer umher. Nereida hatte ihm aufgetragen, seinen Körper in den kommenden Tagen an die Höhenlage zu gewöhnen. Es würde ihm schwerfallen, eine Nacht nicht wie gewohnt in seiner Höhle zu verbringen. Wie soll ich das nur Glandera erklären? Einige Kollegen hatten bereits damit angefangen, Edelsteine und Kristallstufen an den Einsatzort zu bringen. Seine Akolythin könnte ihm mitteilen, wie viel Energie sie insgesamt abgaben, doch er konnte sie unmöglich in die Tragweite seines Einsatzes einweihen.
Mit Daumen und Zeigefinger drückte Ferron seine Nasenwurzel zusammen. Nach Jahrhunderten hatte er die Reinkarnation seiner Seelenverwandten endlich wiedergefunden und wünschte, sein Leben mit ihr zu verbringen. Zwar hatte ihm Concetto versprochen, sich im Ernstfall um sie zu kümmern, aber wenn Ferron jetzt starb, würde er sie unausgebildet hinterlassen. Er wusste, dass Glandera zu stark war, um daran zu zerbrechen, doch allein der Gedanke an ihr drohendes Schicksal, brach ihm das Herz. Solange keine neuen Erdmagier geboren werden, würde ich sicherlich reinkarniert werden. Wie viele Jahrzehnte würde es dauern, bis die Magier meinen nächsten Körper wiederfänden? Ihm wurde übel. Er durfte nicht scheitern.
Das Klopfen an seiner Zimmertür riss den Erdmagier aus seinen Gedanken. Mit einer Handbewegung ließ er die magische Darstellung verblassen, und klappte sein Buch zu, bevor Glandera eintrat.
„Kommst du mit zum Mittagessen?“
„Ist es schon so spät?“, fragte er und nestelte an seiner Brusttasche. Als er auf die Taschenuhr sah, erschrak er.
„Es hat vor zehn Minuten Mittag geschlagen. Du siehst müde aus. Woran hast du gearbeitet?“
„Kalkulationen. Sie sind anstrengend“, wich er ihrer Frage aus. „Was hast du studiert?“
Glandera zog die Augenbrauen zusammen. „Du hattest doch Levitos darum gebeten, mir Terrasias Kristalle aus der Bibliothek zu bringen. Die habe ich den ganzen Vormittag untersucht und versucht, sie zu lesen. Leider kam ich nicht weit.“
Ferron strich sich durch die kurzen, dunklen Haare. Natürlich wollte sie die Bücher studieren, die in den Kristallen verborgen waren. Wie konnte ich so vergesslich sein?
„Hast du vielleicht eine Idee?“
„Als Kristallmagierin verfügst du über die intuitive Gabe. Damit sollte dir das viel leichter gelingen.“ Nach der tiefen Konzentration fiel es ihm schwer, sich so plötzlich auf das neue Thema einzustellen. „Metalle haben zwar auch eine kristalline Struktur, doch in Edelsteine zu tauchen, liegt mir als Metallmagier weniger.“ Ferron drehte seine Hand und drückte magisch den Messinggriff nach unten. Die Terrassentür schwang auf. Im Gegensatz zu den vergangenen Monaten flirrte die Hitze nicht mehr im Garten. „Vielleicht hätte es mir Terrasia auch beibringen können und sie hielt ihr Wissen zurück. Deine Ahnin war eine Meisterin der Gesteinskunde und hat die Bücher nur für die zugänglich gemacht, die ihrer würdig sind. Mein Gefühl sagt mir, du bist entweder nicht so weit, wenn du den Kristall nicht lesen kannst, oder du wirkst in der falschen Reihenfolge. Du wirst verschiedene Ansätze ausprobieren müssen, bis es dir gelingt.“
Auf Sizilien dämmerte es, als Arminio den letzten Teller abtrocknete und auf den Stapel im Küchenschrank legte. Hinter ihm wischte Concetto mit dem Handtuch über die Spüle und hängte es auf. Nach dem Abendessen war seine Mutter Alessandra mit seinen Schwestern zum Abendspaziergang auf dem Ätna aufgebrochen und Furio trieb sich wieder mal herum. Als er sich umdrehte, vergewisserte sich der Capitano magisch erneut, dass sich niemand in Hörreichweite aufhielt. „Etwas hat sich verändert, seitdem wir die letzten Male bei Aset waren“, durchbrachen seine Worte die Stille.
Keinem anderen wäre aufgefallen, dass sein Vater die Schultern straffte. Er drehte sich zu ihm um und hob das Kinn. „Das stimmt.“
Arminio hob die Augenbrauen.
Concettos verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist aufgrund deiner hervorragenden Beobachtungsgabe Capitano geworden und wir sind uns zu ähnlich, um dir etwas vorzumachen. Also gab ich mir keine Mühe, es vor dir zu verstecken.“
Irgendetwas stimmt nicht. „Woher kommt der Sinneswandel, es nicht länger vor mir zu verheimlichen?“
„Das kann ich dir nicht erzählen“, erklärte sein Vater mit starrer Mine.
Arminio blies die Backen auf und antwortete mit einer abweisenden Handbewegung. „Jahrelang habe ich vor Nonnas Tür gewartet, bis du ihr Gefängnis verlässt. Keiner sonst kennt ihren Aufenthaltsort. Und doch vertraust du mir nicht genug, dass ich erfahre, was sich geändert hat?“, blaffte er.
„Deine Mutter ist seit ein paar Tagen eingeweiht“, korrigierte ihn Concetto mit leiser Stimme.
Arminios Augen wurden schmal. Er legte den Kopf schräg und wartete ab. Es war dieselbe Strategie, die auch sein Vater bei Verhören anwandte, daher war es nur eine Frage der Zeit, wer nachgab.
Concettos Kiefermuskeln spannten sich an. „Ich habe mich als Einsatzleiter für den Machu Picchu gemeldet, damit ich über Ferrons Schritte informiert bin.“ Seine Gesichtsfarbe nahm einen rötlichen Ton an und er schluckte hart, bevor er weitersprach: „Aset prophezeite, dass sein nächster Einsatz seine Kräfte übersteigen wird. Das muss ich verhindern.“
„Merda“, flüsterte Arminio und eilte zu seinem Vater. Concetto zog ihn an sich und versteckte seinen Kopf in der Halsbeuge. Ferron war ein Familienmitglied, der Bruder, den sein Vater nie hatte. Arminio konnte sich nicht vorstellen, wie es wäre, einen Freund zu verlieren, den man seit über zweihundert Jahren kannte. In seiner Brust zog sich alles zusammen, doch er erlaubte sich nicht, selbst schwach zu werden. Es wurde nass an seinem Hals. Zuletzt hatte er das Familienoberhaupt weinen sehen, als seine Schwester Gioconda geboren wurde. Diese Situation war ihm fremd. Er ließ Concetto Zeit, und erst als die Kirche zur vollen Stunde schlug, hob sein Vater den Kopf. Schnell drehte er sein Gesicht weg, holte ein Taschentuch aus der Hose und putzte sich die Nase.
„Deshalb bist du dauernd unterwegs. Hat sie auch erklärt, wie du es abwenden kannst?“, hakte Arminio nach.
Sein Vater schüttelte den Kopf. „Das bringt nichts. Sie sieht, welche Seelen sterben, doch nicht wie.“
„Wie frustrierend.“
Concettos drehte sich um. „Zuerst nahm ich an, sie wollte mich manipulieren. Es wäre nicht das erste Mal. Doch je öfter ich darüber nachdachte, umso mehr glaubte ich ihr.“ Entschlossen sah sein Vater ihm in die Augen. „Niemals werde ich ein Mitglied von la famiglia in den Tod rennen lassen. Ich wünschte, ich könnte mit Ferron sprechen. Doch außer dir kann ich mich niemandem anvertrauen.“
„Stimmt. Man würde dich nach deiner Quelle fragen“, stellte Arminio fest.
„Deshalb schöpfe ich alle Mittel aus, die mir zur Verfügung stehen, während ich vorgebe, mein Leben wie gewohnt weiterzuführen.“
Arminio seufzte. „Wie kann ich dir dabei helfen?“
Sein Vater atmete tief durch und starrte auf den Boden. Als er den Blick hob, war bis auf die roten Augen nichts mehr von seiner Hilflosigkeit zu sehen. „Ich werde dich informieren, wenn etwas ansteht. Bis dahin möchte ich, dass du von Aset Geschichtsunterricht erhältst.“
Arminio hob die Arme und streckte die Hände zur Seite. „Behandle mich nicht immer wie einen Schuljungen.“
„Keine Widerrede.“ Concetto hob sein Kinn und starrte ihn an, bis Arminio schließlich sein Haupt senkte. Dann straffte sein Vater die Schultern, drehte sich um und ging in sein Arbeitszimmer.
Arminio sah ihm hinterher. Diese Prophezeiung erklärt, warum sich Vater solche Sorgen macht, doch nicht, dass er plötzlich so freundlich zu Nonna ist. Wieder einmal hatte er geschickt das Thema umgelenkt. Was verheimlicht er noch alles vor mir?