Dienstag, 17. August 1790

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Glandera

Ein heftiger Wortwechsel drang durch die Wand und riss Glandera aus der Konzentration. Ferron ist vom Kollegium Arkanum zurück. Ihr Blick huschte zur Wanduhr, die Viertel nach drei zeigte. Die Erdmagierin streckte die Beine aus und rutschte vom Bett, um über die Vibrationen herauszufinden, wer noch in seinem Arbeitszimmer war. Den Hünen Sverker erkannte sie durch sein Gewicht sofort. Die Stimmen wurden lauter und sie identifizierte Concetto, bevor er sich bewegte.

Was ist nur los? Wie vergangene Woche hatte man die Magier niederen Ranges aus der Besprechung hinausgebeten, und sie brannte darauf, mehr über die Gründe zu erfahren. Den ganzen Tag bin ich kaum vorangekommen, dachte sie frustriert, als sie einen letzten Blick auf den Kristall warf, den sie auf der Bettdecke zurückgelassen hatte. Nur so viel ist sicher: Die Heilungsrisse, die wie Schäfchenwolken den Quarz durchziehen, sehen unnatürlich aus. Es scheinen eher Bilder und Buchstaben zu sein.

Glandera rieb sich die Augen und streckte sich ausgiebig. Ihre Neugierde war kaum noch auszuhalten, doch die Wirkung der beiden Bergkristallstufen neben ihrem Bett schenkten ihr Klarheit. Sie musste sich in Geduld üben – und das war nicht gerade ihre Stärke. Die Stimmen wurden hitziger. Warum ist Ferron so aufgebracht?, fragte sie sich und kaute am Fingernagel.

„Glandera, würdest du bitte in mein Arbeitszimmer kommen?“

Stocksteif saß sie da. Noch immer war sie es nicht gewohnt, plötzlich die Stimme ihres Meisters in ihrem Kopf zu hören. Ihr Herz raste. Einen Wimpernschlag später hatte sie sich gefangen und eilte hinüber.

Trotz seines olivfarbenen Teints konnte Glandera direkt erkennen, dass Ferrons Gesicht gerötet war. Als sie nähertrat, sanken seine Schultern hinab und seine Mundwinkel zuckten nach oben. Demütig neigte sie den Kopf, um die Feuermagier zu begrüßen. Sverkers rotblonder Bartzopf baumelte, als er grüßte, und seine saphirblauen Augen leuchteten freundlich wie immer. Der Sizilianer Concetto war kleiner, strahlte jedoch eine Entschlossenheit aus, die sie nie zuvor erlebt hatte. Mit den Armen vor der Brust verschränkt, nickte er ihr zu. Ihr wurde flau im Magen. Es sind doch Freunde. Was ist nur passiert?

Intuitiv entschied sie sich für die förmliche Anrede. „Meister Ferron, Ihr wolltet mich sprechen?“ Magisch bemerkte sie, wie sich sein Herzschlag beschleunigte.

„Ja. Mir ist morgen Vormittag ein wichtiger Termin dazwischengekommen. Ich bin untröstlich, doch ich werde bei deinem ersten Arenakampf nicht dabei sein können.“

„Aber …“ Glandera stockte. Ich muss mich gewählter ausdrücken und darf Ferron öffentlich nicht widersprechen. „Es bedeutete Euch doch so viel.“

„Das ist korrekt“, bestätigte Ferron. Seine Kiefermuskeln spannten sich an.

Glandera verkniff sich die Tränen. „Dann werde ich eine Woche später kämpfen?“

„Nein. Sverker hat sich bereit erklärt, meinen Platz einzunehmen.“

Der blonde Hüne trat einen Schritt vor. „Ich werde auf dich aufpassen, als wärst du meine eigene Tochter.“

Der Erdmagier lächelte gequält. „Nur wenn ich es nicht schaffe, zeitig nachzukommen.“

„Verstehe.“ Sie ließ den Kopf hängen.

„Dann erwarte ich dich zur achten Stunde im Atelier“, schloss Sverker die Unterhaltung ab.

Glandera starrte auf die Fliesen, die im Laufe der Jahrhunderte von den Schritten des Erzmagiers blank poliert worden waren. „Meister? Eine Frage hätte ich noch.“

„Selbstverständlich.“

„Ihr sagtet, Ihr freut Euch Euer Leben lang auf diesen Augenblick.“ Ihre Finger krallten sich ins Kleid und sie hob den Kopf. Mit festem Blick sah sie ihn an. „Was ist so wichtig, dass Ihr diesen Termin nicht wahrnehmen könnt?“

Ferrons Gesicht wurde blass. Er atmete tief ein und wollte sprechen – doch Concetto gebot ihm mit erhobener Hand Einhalt. „Der nächste Einsatz erfordert etwas mehr Koordination als üblich. Magister Ferrons Berechnungen umfassen ein weites Gebiet und als dessen Leiter fiel mir auf, dass einige Details berücksichtigt werden müssen. Es war meine Idee, ihm für morgen Vormittag die Unterstützung der Mathematiker zu arrangieren, daher habe ich beschlossen, dem eine höhere Priorität als dem Training zu geben..“

„Ihr meint den Einsatz in Peru?“, hakte Glandera nach. „Kann ich Euch vielleicht dabei helfen?“

„Seid mir nicht böse, aber Euer Wissensstand reicht bei Weitem nicht aus, um diesen Umfang zu erfassen.“ Concetto lächelte und drehte die Handflächen nach oben. „Sobald wir die Zahlen erhalten haben, wird Euer Meister nachkommen.“

Ich wusste von Anfang an, dass Ferron ein vielbeschäftigter Mann ist. Doch gerade morgen hätte ich ihn gebraucht. Die Akolythin starrte erneut auf den Boden. Die Argumente sind schlüssig. Wenn Concetto diesen Beschluss fasst, hat Ferron keine andere Wahl, als sich zu fügen. Ihre Hände entspannten sich und sie strich ihr Kleid glatt. „Das verstehe ich, Magister Extraordinarius. Danke für die Erklärung.“

Concetto wandte sich an den blonden Wikinger. „Sverker hat sich angeboten, jederzeit als Mentor auszuhelfen.“

„Ihr könnt mich immer kontaktieren, falls Ferron nicht verfügbar ist.“

„Danke, Magister Sverker“, antwortete Glandera demütig. Sie mochte ihn, doch viel lieber wollte sie mit ihrem Liebsten Zeit verbringen.

„Heute Nachmittag möchte Glandera gemeinsam mit Dorianna ihrer Familie offenbaren, dass sie eine Maga ist“, erklärte Ferron den Feuermagiern und wandte sich an seine Akolythin. „Ich gebe dir den restlichen Tag frei, damit du dich vorbereiten kannst. Ich wünsche dir gutes Gelingen. Bis morgen, Glandera.“

„Danke, Meister Ferron.“ Er schickt mich weg. Werden wir uns heute überhaupt nochmals sehen? Sie schluckte ihre Frage herunter und verabschiedete sich mit einem Kopfnicken von den Erzmagiern, bevor sie den Raum verließ.

 

„Jesus und Maria!“ Glandera riss die Augen auf, als sie sich im Spiegel betrachtete. „Bin das wirklich ich?“

„In dem Ornat machst du Eindruck“, bestätigte Melody sie und zupfte an dem Magiergürtel, der die Insignien ihres Ranges, Elements und das Symbol der Magierakademie trug. Der cremefarbene Stoff war ein Leinen-Baumwoll-Gemisch, das sanft fiel. Glandera hatte ihn selbst ausgesucht. Es war ihr wichtig, dass sie sich darin wohlfühlte. Die Wassermagierin Marilla hatte sie dezent geschminkt, sodass sie erwachsener wirkte, und ihr die Haare hochgesteckt.

Die Akolythin schluckte. „Vielen Dank für alles. Ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gutmachen kann.“

„Das musst du nicht.“ Melody strich ihr über die Schultern. „Du bist ein Teil dieser Gemeinschaft und wir helfen einander.“

Marilla zupfte eine Locke zurecht, ehe sie zurücktrat. „Du zeigst deine wahre Natur, Erdmagierin. Die Magie schlummert auch in deiner Familie. Denk nachher daran, wenn du nervös wirst.“

„Das bin ich jetzt schon.“

„Soll ich dich beruhigen?“, schlug Melody vor. Die Farbe ihrer Iriden änderte sich und sie reichte ihr die Hände.

„Sehr gern.“ Glandera griff danach. Es war nicht das erste Mal, dass sie Melodys Talent nutzte. Ihre Freundin reinigte magisch ihr Blut von den Botenstoffen der Angst. Erleichtert atmete Glandera tief durch und ihr Blick glitt zur Uhr. „Danke, Melody. Auch dir, Marilla. Ich sollte nun losgehen. Dorianna erwartet mich am Torbogen.“

 

„Es wird schon gut gehen“, ermutigte Dorianna sie, kaum dass sie die Webergasse erreichten. „Denk daran. Es wird für mich leichter, sobald ich Gladis berühre.“

Glandera nickte und spähte im Vorbeigehen ins Nachbarhaus. Die Silhouetten der Bewohner verschwanden hinter der Fensterscheibe, doch man hatte sie bereits erkannt. Vor vierzehn Tagen war sie erst bei Arnos Meister Kohlhaas gewesen. Es glich einem Wunder, dass ihr neuer Status seitdem nicht aufgeflogen war. Jetzt konnte sie ihn nicht länger geheimhalten. Als sie an der Haustür ankamen, versuchte sie, so gut es ging, ihren hohen Puls zu ignorieren. „Arno läuft gerade die Treppe hoch, um Großmutter zu holen.“

„Dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um einzutreten“, erklärte die Wassermagierin und klopfte an die Tür.

Die Akolythin kniff die Augen zusammen.

„Glandera, bist du das?“, rief ihre Mutter. „Warum kommst du nicht hinein?“

Nun gab es kein Entrinnen mehr. Sie öffnete die Tür. Als sie das Haus betraten, eilte Hilde mit der Teekanne zum Stubentisch. Ihr Blick fiel auf die Magierinnen, verharrte auf den Insignien, und ihr Lächeln fror ein. Glandera konnte spüren, wie sich der Herzschlag ihrer Mutter beschleunigte. Sie fing zu zittern an und lockerte die Faust, die den Henkel umschlossen hielt. Instinktiv streckte Glandera die Hand hervor und die Kanne stoppte mitten im Fall. Kontrolliert ließ sie sie auf den Tisch schweben. Das Kinn ihrer Mutter sank weiter hinab und die Schwingungen ihres Pulsschlags nahmen an Geschwindigkeit zu.

„Seid gegrüßt, Frau Berger.“ Magistra Dorianna nickte und drehte die rechte Hand nach oben. Ein blauvioletter Nebel entstieg ihrer Handfläche und wirbelte um Hilde herum. Glandera eilte zu ihr. Sanft, aber bestimmt hielt sie ihren Arm und führte sie an ihren Platz.

Ihre Mutter musterte ihr Ornat, das Symbol der Erdmagie, ihres Ranges und der Magierakademie und blieb dann an ihrem Gesicht hängen. „D… deine Augenfarbe. Wieso sind sie golden?“

Glandera blinzelte. „Das werde ich dir später erklären. Setz dich erst mal und beruhige dich. Arno wird mit Großmutter gleich hier sein.“

„Woher weißt du, dass dein Bruder oben ist?“

„Ich spüre seine Schritte.“ Glandera setzte sich neben sie und streichelte Hildes kalte Finger. Mit zusammengezogenen Augenbrauen drehte sie sich zu Dorianna um und öffnete ihre Gedanken. „Es darf Großmutter wirklich nichts passieren.“

Die Magistra lächelte. „Das habe ich dir versprochen.“

Doriannas Handfläche leuchtete blauviolett auf und ein weiterer Nebel wanderte die Treppen hinauf. Daraufhin erschien Gladis an der obersten Stufe. Ihre linke Hand lag auf Arnos Unterarm und mit der Rechten hielt sie sich am Geländer fest, doch ihre Schritte waren sicherer. Glandera biss sich auf die Unterlippe, als Gladis die Wassermagierin bemerkte.

„Liebes, schön dich zu sehen. Und du hast Besuch mitgebracht?“

Glandera stand auf und kam ihr entgegen. „Ja, deine Freundin aus Kindheitstagen.“ Doriannas mittlere Stirnfalte wurde tiefer, doch Gladis Puls veränderte sich nicht. An der letzten Treppenstufe nahm Glandera sie mit offenen Armen in Empfang. „Erinnerst du dich an Dorianna?“

Die Magistra trat lächelnd näher. „Gladis, ich freue mich so, dich wiederzusehen. Als Kinder haben wir immer am Fluss gespielt, kannst du dich besinnen?“ Als sie die Hand ihrer Großmutter zur Begrüßung umschloss, entspannte sich Glandera.

Gladis runzelte erst die Stirn, dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Knauffs Dorianna? Nicht deren Enkelin?“

„Genau die, nur dass ich inzwischen geheiratet habe. Ich habe gelernt, mein Aussehen zu verändern.“ Die Magistra zwinkerte und führte Gladis an den Tisch. Ihre knorrigen Finger ließ sie dabei nicht los.

„Können alle Wassermagier das Blut von Angst reinigen? So wie Melody?“, fragte Glandera die Wassermagierin.

„Wir können die Botenstoffe identifizieren und nur wenige können sie reinigen. Ich bin nicht darauf spezialisiert, weshalb es mich stark anstrengt. Mit Körperkontakt wird es leichter. Du solltest anfangen, dich zu erklären, damit sie sich beruhigen können. Gladis und Hilde haben viele offene Fragen.“

Aus den Augenwinkeln musterte ihre Mutter skeptisch Glanderas Ornat. Die Akolythin führte Gladis an den Tisch und ließ sie zwischen Arno und Dorianna Platz nehmen. Dabei versuchte sie, ein möglichst entspanntes Lächeln aufzusetzen. Routiniert griff sie nach Doriannas Teller und legte ihr ein Stück Zwiebelplatz darauf. „Großmutter, du fragst dich sicher, warum Dorianna damals nicht mehr an den Fluss spielen kam. Ihr Talent für Wassermagie wurde erkannt und sie kam in die Schule.“

Die Magistra nickte. „In ein Alumnat, um genau zu sein. Das ist eine Ganztagsschule. Nur in den Ferien durfte ich nach Hause.“

Die alte Frau tätschelte die Hand ihrer Freundin. „Und ich dachte, du wärst verschwunden, weil die Magier dich entführt hätten.“

Dorianna lächelte. „Das verstehe ich. Meine Eltern waren froh, mich dorthin schicken zu können, weil der Unterricht für Mädchen und Jungen mit magischer Begabung kostenlos ist.“

„Für alle, die entdeckt werden“, erklärte Glandera, nachdem sie reihum die Teller belegt hatte, und drehte sich zu Hilde um. „Doch Großmutter hatte mich immer vor den Reitern gewarnt. Darum wurde ich nie geprüft.“

„Dabei hatte ich in der Schule gelernt, dass Magier sehr hilfsbereit sind“, warf Arno ein.

Ihre Mutter presste die Lippen aufeinander.

„Mein Talent für Erdmagie wurde zufällig entdeckt“, erklärte Glandera. „Das ist der wahre Grund, warum ich eine Anstellung in der Magierakademie erhielt. Ich nahm sie an, da ich mehr Geld verdiente und den Vorarbeiter aus dem Weg gehen konnte.“

„Wodurch sie mir die Ausbildung finanziert“, ergänzte Arno.

„Mutter, sag doch etwas“, bat Glandera.

„Der Zwiebelplatz wird kalt.“ Hilde starrte auf den Teller. „Wir sollten essen.“

Glanderas Stimme zitterte. „Ihr habt uns immer vor den Reitern gewarnt. Ich weiß, dass ihr es gut meinte. Mein Versprechen dir gegenüber habe ich eingelöst und weiter nachgeforscht: Es wird kein Kind für die Zwecke der Magier missbraucht.“

Dorianna nickte. „Als lebender Beweis bin ich heute hier, Hilde. Ich bestätige es.“

„Nach der Schulzeit erhält man von der Akademie das Angebot, sich anstellen zu lassen. Die weniger Begabten arbeiten als Personal.“ Glanderas Mund wurde trocken. „Die mit einer elementaren Spezialisierung, wie Dorianna oder ich, werden entsprechend ihren Fähigkeiten fortgebildet. Meine Ausbildung in Erdmagie wird fünf Jahre dauern.“ Die Akolythin überreichte ihrer Mutter den Geldbeutel.

Da sich Hilde nicht rührte, griff Arno nach dem Beutel und blickte hinein. Seine Augen weiteten sich. „Fünf Jahre lang erhältst du jede Woche 50 Silbertaler? Kann ich mich auch testen lassen?“

„Das wurdest du bereits.“ Unwillkürlich musste Glandera grinsen, bevor sie sich wieder an ihre Mutter wandte. „Damit sichere ich Arnos Ausbildung. Und du brauchst nicht mehr jeden Heller umzudrehen.“

„Tante Alice kam auch in diese Schule.“ Hildes Blick wechselte zwischen den Magierinnen hin und her. Ihre Stimme wurde fester. „Wisst Ihr, was damals passiert ist?“

Die feinen Vibrationen von Gladis Herzschlag erhöhten sich. Glanderas Blick schnellte zu Dorianna und die Wassermagierin nickte ihr ermutigend zu. Es tut gut, alles aufzuklären, dachte Glandera. „Ich habe mit dem Verantwortlichen gesprochen. Man hatte angenommen, sie hätte magische Fähigkeiten, doch das war nicht der Fall. Daher musste sie das Alumnat verlassen. Deshalb war sie so traurig.“

„Warum haben sie Alice dann überhaupt mitgenommen?“, fragte Hilde mit einem vorwurfsvollen Unterton.

„Sie haben uns verwechselt“, erklang eine leise Stimme, und alle Blicke schnellten zu Gladis. „Ich habe im Fluss mit Kieseln gespielt und uns lustige Spiele ausgedacht. Dorianna war dabei.“

„Mutter?“ Hildes Mund blieb offen.

„Du hast mit Steinen auf meine Wasserkugeln gezielt.“ Die Wassermagierin lachte. „Weißt du noch, wie oft wir klitschnass nach Hause kamen?“

Glandera hielt sich die Hand vor den Mund. „Du erinnerst dich?“

„Ja, und Mutter schimpfte mit mir.“ Gladis zog nun ihren Arm zurück, um ihn am Tisch abzulegen. Mit der anderen Hand griff sie nach dem Zwiebelkuchen und biss ab.

„Ich habe psionisch ein wenig nachgeholfen, indem ich gemeinsame Erinnerungen wachrief“, erklang Doriannas Stimme in Glanderas Kopf, bevor sie sich wieder an Gladis wandte. „Doch als Alice von den Reitern abgeholt wurde, hörtest du damit auf.“

„Du bist der Magie fähig?“ Hilde starrte ihre Mutter an. „Warum hast du uns dann all die Jahre vor Magiern gewarnt?“

„Ich wollte nicht, dass euch dasselbe wie meiner Schwester passiert“, erklärte Gladis ruhig. „Ich verdrängte es und wollte damit nichts mehr zu tun haben.“

Mit gerunzelter Stirn starrte Hilde auf ihre Hände. „Glandera. Seit wann weißt du, dass du Erdmagierin bist?“, fragte sie leise.

„Ich fühlte schon immer ein Kribbeln an den Fingerspitzen, wenn ich einzelne Steine berührte, doch ich dachte, das sei normal. In der Mine begegnete ich unfreiwillig dem Erzmagus der Erde. Er erkannte mein Talent und lehrte mich, meinem magischen Gespür zu vertrauen. Und dann kam der Tag, als das heftige Unwetter hereinbrach und er Zulkis verhaften ließ. Anschließend half ich ihm, die Quarzader im Berg zu finden. Im Nachhinein war das der Tag, an dem ich verstand, wer ich bin.“

„Du wusstest auch vor allen anderen, wer an der Haustür klopft“, meinte Hilde nachdenklich. „Warum hast du das so lange verschwiegen?“

Glandera rang um Worte, als Arno sich kopfschüttelnd meldete. „Glandera hat sich wochenlang gefragt, wie sie es euch möglichst schonend beibringen kann.“

„Du wusstest es?“, fragte Hilde überrascht.

„Ja. Ich habe ihren Meister kennengelernt. Ein äußerst anständiger Mensch.“

Langsam ließ Hilde die Schultern sinken und blickte zwischen ihren Kindern hin und her. „Bitte versprecht mir, dass ihr von nun an keine Geheimnisse mehr vor mir habt.“

„Das ist schwierig, Mutter.“ Glandera schluckte und fuhr zögernd fort. „Du weißt ja, dass ich einen Freund namens Ferron habe. Nun, wie soll ich es sagen? Es ist besagter Magister der Erde und er ist 378 Jahre alt.“

Hildes Lider sanken hinab. Ihr Körper erschlaffte und der Stuhl fiel klappernd um, als sie auf dem Boden landete. Glanderas Holzstuhl polterte, als sie zu ihrer Mutter eilte. Die Akolythin wechselte in die magische Sicht.

Dorianna streckte ihre Hand aus. „Arno. Halte deine Großmutter fest.“ Blaue Wellen der Magie strömten zur alten Frau. Arno rutschte näher an sie heran und legte einen Arm um ihre Schultern, während ihr Kopf auf seinen Oberkörper sank. „Hättest du mich nicht vorwarnen können?“, zischte Dorianna und hockte sich neben Hilde. Sanft streichelte sie deren Arm. „Bring ihr bitte ein Glas Wasser.“

Die Akolythin zuckte mit den Schultern und lief in die Küche. „Ich ahnte ja nicht, dass sie direkt vom Stuhl fällt.“ Dabei schielte sie zu Gladis, die seelenruhig schlief. Glandera kam zurück, kniete sich neben ihre Mutter, die langsam ihre Augen öffnete, und hielt ihr das Glas Wasser an den Mund. „Es … es tut mir leid.“ Nachdem Hilde einen Schluck getrunken hatte, ließ sich die Akolythin erschöpft neben ihr nieder.

„Meine kleine Glandera. Was mache ich nur mit dir?“

„Ich bin kein Kind mehr“, korrigierte sie ihre Mutter und half ihr, den Oberkörper aufzurichten. „Ich liebe Ferron. Es gibt keinen aufmerksameren oder loyaleren Mann als ihn. Er passt auf mich auf und hilft mir gleichzeitig, in meine Kraft zu kommen. Mit ihm bin ich glücklich. Ich folge meiner Bestimmung.“ Glandera blickte zu Gladis. „Da ihr jetzt wisst, dass ich eine Erdmagierin bin, muss ich mich in Chattenberg nicht länger verstellen.“

„Ich möchte den Mann, der so einen großen Einfluss auf dich hat, möglichst bald kennenlernen.“

Glandera wurde warm in der Brust. „Sehr gern. Er möchte sich auch bei euch vorstellen.“

Hilde starrte in das halbvolle Glas. „Gibt es noch mehr, was du mir erzählen möchtest?“

„Ich erlebe so viel, wenn ich mit ihm unterwegs bin, und will dir am Liebsten von allem berichten.“ Glandera bemerkte Doriannas strengen Blick. „Aber das hat Zeit.“

 

Concetto

„Die Vorbereitungen sind in vollem Gang“, erklärte Concetto Aset, kaum dass Arminio die Tür ihres Gefängnisses geschlossen hatte. Unruhig lief er im Raum hin und her. „Glandera hat kraftvolle Quarzstufen ausgewählt, damit Ferron während des Einsatzes konzentriert arbeiten kann. Gleichzeitig schenken sie ihm Energie. Magistra Nereida hat seinen Gesundheitszustand untersucht und ihm Ruhe verordnet. Im Kollegium Arkanum wurde beschlossen, dass er mithilfe der Luftmagier sämtliche Aufzeichnungen der Druckverhältnisse noch einmal durchkalkulieren muss. Es soll der bestmögliche Ort gefunden werden, an dem er mit der Plattenverschiebung starten soll. Weiterhin planen wir eine weitläufige Evakuierung der bevölkerungsreichsten Gebiete.“ Concetto setzte sich neben Aset und raufte sich die kastanienbraunen Haare. „Es ist so frustrierend, dass ich ihn mit meiner Feuermagie nicht unterstützen kann.“

„Du koordinierst seinen Einsatz. Das ist die größte Ehre, die ihr euch zuteilwerden lassen könnt. Er legt sein Leben in deine Hände, weil er dir vertraut.“ Aset berührte ihn an der Schulter. „Doch das reicht weiterhin nicht.“

Concetto streckte die Hände nach vorn. „Ich bin noch nicht fertig. Sverker hat ihm angeboten, ihn mit Runenmagie zu unterstützen. Aber er ist kein Erdmagierschamane, der sich gezielt dieser Kräfte bedienen kann. Und Glandera ist dessen nicht fähig. Das hat Sverker überprüft. Deshalb habe ich den Heilern heimlich den Auftrag gegeben, Ferron zur Not auch gegen seinen Willen vom Einsatzort zu entfernen.“

„Ferron ist ein mächtiger Magier. Wenn du ihn übernimmst, fliegt deine psionische Kraft auf.“ Aset schüttelte den Kopf. „Kein Magier würde dir noch vertrauen und du fliegst aus dem Rat der Elemente. Doch das würde keinen Unterschied machen. Er wird trotzdem sterben.“

„Merda!“ Concettos Faust landete auf dem Tisch. „Es muss doch eine Möglichkeit geben, ihn zu retten.“

„Wenn es sie gibt, hast du sie noch nicht gefunden.“

„Warum ausgerechnet ich?“

„Du weißt, wie man eine Bürde trägt. Deshalb hast du dir diese Verantwortung gewählt.“

Ihre Blicke trafen sich. 380 Jahre. So lange saß seine Mutter bereits in diesem Gefängnis. So lange war Concetto felsenfest davon überzeugt gewesen, dass sie schuldig war, bis er an seinem Geburtstag von der Existenz der Steintafeln erfuhr. Diese bestätigten die Geschichte, die ihm seine Mutter stets erzählt hatte. Schuldbewusst senkte er sein Haupt. „Kannst du mir einen Hinweis geben?“

„Vielleicht liegt die Lösung näher, als du vermutest.“

„Diese Weissagung hätte von Hora stammen können“, scherzte Concetto. 

Aset lächelte nicht. 

„Tut mir leid. Ich zermartere mir seit Tagen den Kopf.“ Concetto kratzte sich im Nacken. „Ich werde dir jetzt Arminio reinschicken. Eine Bitte hätte ich an dich: Würdest du ihm erzählen, was damals wirklich passierte?“

Seine Mutter hob die Augenbrauen. „Die nette oder die ungeschönte Version?“

„Er ist Ermittler. Er würde es bemerken, wenn du ihm nicht die Fakten nennst.“

„So sei es.“ Aset stand auf und kam zu ihm. Sanft berührte sie seine Oberarme. „Ich bin stolz auf dich.“

Concetto schluckte. Er konnte sich nicht bewusst daran erinnern, wann sie dies zum letzten Mal zu ihm gesagt hatte. Trotz allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten, war er sich sicher, dass sie ihn liebte. Er zog sie vorsichtig an seine Brust und umarmte sie.

 

Arminio

Arminio nahm an der Tür den Temperaturanstieg wahr, bevor sie sich öffnete. Er trat in das Gefängnis seiner Großmutter ein. „Nonna, ich grüße dich.“

„Arminio, setz dich. Die Zeit ist knapp, um dir all das zu erzählen, um das mich dein Vater gebeten hat.“

Concetto nickte. Arminios Augenbrauen schnellten nach oben, als sein Vater die Tür schloss und sich in Asets Lesesessel setzte. Wir bleiben gemeinsam im Raum? „Der Geschichtsunterricht scheint dir wirklich wichtig zu sein.“

Der Blick, den sein Vater ihm zuwarf, war vernichtend. Halbherzig griff er nach dem Buch, das auf dem nächstgelegenen Tisch lag.

„Ich gebiete mehr Respekt!“, zischte Aset und der Mundwinkel seines Vaters zuckte nach oben. „Eine Verschwörung ungeahnten Ausmaßes war notwendig, um mich mundtot zu machen und aus den Geschichtsbüchern zu tilgen. Damit du mich besuchen durftest, musste ich deinem Vater einen Eid schwören, dir nichts zu verraten. Doch die Zeiten sind jetzt vorbei.“

Arminio kam zu ihr, schnappte sich einen Stuhl und setzte sich rücklings darauf. Die Arme stützte er auf der Lehne ab. „Du machst mich neugierig. Bitte berichte.“

„Setz dich erst einmal ordentlich hin.“

Ohne Widerrede stand Arminio auf und drehte den Stuhl, bevor er sich erneut setzte.

„Für wie alt schätzt du Hora?“

„Uff, du stellst Fragen. Sehr betagt. Sie hat die Papyri gerettet, als die Bibliothek von Alexandria brannte, und anschließend die Magierakademie errichtet. Demnach muss sie mindestens 1800 Jahre alt sein.“ Arminios Augen weiteten sich. „Das macht sie zur ältesten lebenden Maga.“

„Wir waren vorher schon ein paar Jahrhunderte befreundet.“

Arminio starrte sie an. „Das würde bedeuten, als Zeitmagierin kann sie ihr Alter manipulieren – sie kennt das Geheimnis der Unsterblichkeit.“

„Weder noch.“

Er stand auf und ging unruhig im Raum umher, während er nachdachte. Sein Vater faltete die Hände zusammen und sah ihn eindringlich an. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. Nein, das kann Nonna nicht erst meinen. Ganz langsam schüttelte Arminio den Kopf. „Oder sie ist keine Magierin.“ Er drehte sich leicht um. Seine Großmutter nickte, sodass er mit seinen Schlussfolgerungen fortfuhr. „Sie ist wie du eine Göttin. Die Göttin der Zeit.“ Asets Iriden waren dunkel wie die Nacht. In seinem Magen rumorte es, als er die Tragweite seiner Worte begriff. „Merda. Als Mitglied im Rat der Elemente und als Leiterin der Magierakademie hat sie alle Geschehnisse auf der Welt in ihren Händen.“

„Sie dreht so oft die Zeit zurück, bis ihr der Ausgang der Geschichte gefällt.“ Aset nickte. „Ihr seid nur ihre Marionetten.“

 

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